Montag, den 15. Oktober 2018 um 08:32 Uhr

Auf den Spuren prähistorischer Ernährungsweisen

Durch die Analyse von Keramikgefäßen hat ein internationales Forscherteam Einblicke in die Ernährungsgewohnheiten von Bewohnern einer prähistorischen Siedlung erhalten. In den fast 8000 Jahre alten Gefäßen aus der Siedlung Çatalhöyük, Türkei, identifizierten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Proteinrückstände von Getreide, Hülsenfrüchten, Milchprodukten und Fleisch; einige Proteine konnten genau bestimmten Pflanzen- und Tierarten zugeordnet werden. An dem Projekt beteiligt waren Forscherinnen und Forscher des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena, der Freien Universität Berlin sowie der University of York, Großbritannien. Die Ergebnisse wurden in der jüngsten Ausgabe der Fachzeitschrift Nature Communications veröffentlicht.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler analysierten Scherben vom sogenannten Westhügel (West Mound) in Çatalhöyük, der von etwa 7100 v.Chr. bis 5600 v.Chr. bewohnt wurde. Die Keramikscherben, die auf ein Zeitfenster zwischen 5900 bis 5800 v. Chr. datieren und damit an das Ende der Besiedlungsdauer des Fundorts, stammen hauptsächlich von offenen Schalen und wiesen an den Innenseiten kalzifizierte Ablagerungen auf. Solche Kalkablagerungen an den Innenseiten von Kochgefäßen sind auch heutzutage in der Region sehr verbreitet. Um die Proteine zu bestimmen, bediente sich das Forscherteam neuartiger Analysemethoden an Proben, die von verschiedenen Abschnitten der Scherben sowie von Kalkablagerungen extrahiert wurden.

Nahrungsproteine in den Wänden von Keramikgefäßen erhalten

Die Analyse ergab, dass die Gefäße Getreide, Hülsenfrüchte, Fleisch und Milchprodukte enthielten. Den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zufolge zeigte eine speziesgenaue Bestimmung, dass die Milchprodukte vor allem von Schafen und Ziegen stammten, in einigen Fällen auch von Rindern. „Knochen dieser Tierarten werden routinemäßig am Fundort gefunden. Auch hatten frühere Studien bereits Milchrückstände in Form von Lipiden (Fettbestandteilen) in Gefäßen festgestellt, aber dies ist das erste Mal, dass Forscher genau bestimmen konnten, von welchen Tieren die Milch stammt“, erläutert die Koordinatorin der Studie Dr. Eva Rosenstock von der Freien Universität. Die in den Scherben enthaltenen Proteine von Getreidesorten konnten der Wissenschaftlerin zufolge Gerste und Weizen zugewiesen werden. Unter den Hülsenfrüchten hätten Erbsen und bestimmte Wickenarten nachgewiesen werden können. Diese Pflanzen seien auch als Makroreste am Fundort nachgewiesen worden. Andere Tierprodukte, die entweder als Fleisch oder als Blut in den Gefäßen verarbeitet wurden, stammten vor allem von Ziegen und Schafen; in einigen Fällen auch von Rindern sowie Hirscharten. „Interessanterweise wiesen viele Gefäße Rückstände von mehreren verschiedenen Nahrungsmitteln auf. Dies bedeutet, dass die Bewohner der Siedlung entweder Gerichte mit mehreren Bestandteilen kochten, zum Beispiel als Suppen oder Eintöpfe, oder dass Gefäße für die Zubereitung verschiedener Nahrungsmittel nacheinander genutzt wurden. Auch beides ist möglich“, erklärt Dr. Eva Rosenstock.

Frühe Käseherstellung

Ein bestimmtes Gefäß wies allerdings nur Rückstände von Milchprodukten auf, in Form für die Molke spezifischer Proteine. „Das ist besonders interessant, weil es vermutlich bedeutet, dass die Bewohner der Siedlung eine Methode der Milchverarbeitung anwandten, bei der Milch in Molke und Käsebruch getrennt wurde. Es bedeutet auch, dass Molke nach dem Trennen in einem besonderen Gefäß aufbewahrt und zu weiteren Zwecken verwendet wurde“, erläutert die Hauptautorin der Studie Dr. Jessica Hendy vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte. Die Ergebnisse zeigten, dass diese Art der Milchverarbeitung in dieser Region spätestens seit dem 6. Jahrtausend v. Chr. betrieben wurde.

Die Forscherinnen und Forscher weisen aber auch darauf hin, dass vermutlich eine noch größere Bandbreite von Nahrungsmitteln, vor allem Pflanzen, in Çatalhöyük verzehrt wurde. Dafür sprächen weitere archäologische Funde. Diese anderen Nahrungsmittel wurden entweder nicht in den untersuchten Gefäßen verarbeitet oder sie sind nicht in den vorhandenen Datenbanken zur Proteinbestimmung enthalten. Die von den Forschern verwendete sogenannte „Shotgun“-Vorgehensweise der Proteinbestimmung stützt sich auf Referenzdatenbanken von Proteinsequenzen, in denen viele Pflanzenarten noch gar nicht oder noch nicht ausreichend vertreten sind. „Es gibt zum Beispiel nur sechs Proteinsequenzen von Wickenarten in den Datenbanken. Für Weizen gibt es fast 145.000“, erklärt Jessica Hendy. „Ein wichtiger Aspekt unserer zukünftigen Arbeit wird deshalb der Ausbau dieser Datenbanken mit mehr Referenzmaterial sein.“

Weiteres Potenzial zur Proteinanalyse von archäologischen Keramikscherben

Im Vergleich zu anderen molekularen Analyseverfahren, die weiter gefasste Nahrungsgruppen wie Milch- oder Körperfette in archäologischen Keramikscherben identifizieren können, erlauben Proteinanalysen eine größere Detailgenauigkeit in der Erforschung früherer Nahrungspraktiken. Den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zufolge zeigen die Ergebnisse der Studie das große Potenzial von Proteinanalysen, mit denen Nahrungsbestandteile in bis zu 8000 Jahre alten Proben speziesgenau bestimmt werden können. Besonders die kalkigen Rückstände an der Gefäßinnenseite seien außerordentlich gut erhalten gewesen und hätten zu einer großen Menge von neuem Wissen geführt. Oft würden ähnliche Kalkablagerungen aber routinemäßig von Archäologen beim Reinigen der Funde entfernt. „Unsere Ergebnisse zeigen, wie wertvoll solche Ablagerungen sein können, und wir ermutigen unsere Kollegen, sie beim Reinigen nach der Ausgrabung an den Scherben zu belassen“, sagt Dr. Eva Rosenstock.

Einer der wichtigsten frühbäuerlichen Fundorte in der Alten Welt

Die in der heutigen Zentraltürkei gelegene Siedlung Çatalhöyük wurde von etwa 7100 v.Chr. bis 5600 v.Chr. von frühen Bauern bewohnt. Die Siedlung weist eine faszinierende Architektur auf, bei der Häuser eng aneinander ohne Zwischenräume gebaut wurden; sie zeichnet sich durch eine besonders gute Erhaltung archäologischer Funde aus. Nach über 25 Jahren Ausgrabung und Fundbearbeitung ist Çatalhöyük Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zufolge einer der am besten erforschten frühbäuerlichen Fundorte in der Alten Welt.


Den Artikel finden Sie unter:

https://www.fu-berlin.de/presse/informationen/fup/2018/fup_18_257-erkenntnisse-ueber-praehistorische-ernaehrungsweisen/index.html

Quelle: Freie Universität Berlin (10/2018)


Publikation
- Ancient proteins from ceramic vessels at Çatalhöyük West reveal the hidden cuisine of early farmers
- Autoren: Jessica Hendy, Andre C. Colonese, Ingmar Franz, Ricardo Fernandes, Roman Fischer, David Orton, Alexandre Lucquin, Luke Spindler, Jana Anvari, Elizabeth Stroud, Peter F. Biehl, Camilla Speller, Nicole Boivin, Meaghan Mackie, Rosa R. Jersie-Christensen, Jesper V. Olsen, Matthew J. Collins, Oliver E. Craig, Eva Rosenstock
- Nature Communications, DOI: 10.1038/s41467-018-06335-

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